Freud und Leid so nah nebeneinander

Heute ueberkam mich ein Schauer.
Ein Schauer und mit ihm eine Gaensehaut, die so schnell nicht verflog.
Heute, will ich meinen, habe ich die harte Realitaet des Lebens
der Kinder und Menschen
hier im Viertel, wenn auch noch immer nicht ganz, doch einmal mehr verstanden.
Das Leben hier ist knallhart. Gnadenlos.
Freud und Leid sind Freund und Feind.
Lebens nebeneinander, fressen einander auf.
Freude. Der erste Platz eines Jungen beim landesweiten Malwettbewerb.
Landesweit, unglaublich fuer ihn, unfassbar.  und jeden Einzelnen im Projekt.
Eine Reise nach Rio, zur Abholung der Trouphaee. Eine Reise!
Fuer ihn -so wie es fuer jedes andere Kind waere- das erste Mal.
Und wohl auch das letzte.
Die Belegung eines ersten Platzes.
Nicht einmal im Traum haette daran irgendjemand gedacht.
Ein Erfolg der bisher einfach unerreichbar schien.
Unerreichbar und nicht gemacht fuer diese Kinder.
Welch ein Glueck, welch ein Glueck ruft die Lehrerin vor Erstaunen
und hat Muehe  Traenen der Freude zurueckzuhalten.
Es ist ihre Muehe und die Fassungslosigkeit der Kinder, die mich zur Gaensehaut treibt.
Und auch ich habe Muehe meine Traenen zu halten.

Und dann ploetzlich.
Leid. Es schiesst mir in den Kopf.
Nicht vergessen habe ich die Neuigkeit des Tages.
Der Tod eines unserer Kinder.
Leblos aufgefunden.
18 Jahre alt.
„Das passiert, wenn man sich in Drogen einmischt“.
Die Worte eines Lehrers.
Er bringt sie kaum ueber die Lippen.

Mit seinem Tod stirbt an diesem Tag ein Teil der Cesmar-Familie.
Es klingt kitschig, uebertrieben
doch wahrhaftig waechst man hier zusammen.
Die Educadoren, fuer Kinder in Not und Verzweiflung wie ein Elternersatz.
Denn wohin soll man gehen
wer bleibt
wenn die Familie selbst zerbricht,
wenn die Hand des Vaters weit ausholt,
die Mutter nicht sieht vor lauter Crack.
Was bleibt dann fuer diese Kinder und vorallem wer?
In solchen Momenten der Verzweiflung und Auswegslosigkeit geht es ganz schnell.
Man findet im Cesmar ein zweites
– oder allererstes, richtiges-
Zuhause.

Mit dem Tod es Jungen stirbt vielleicht aber auch
ein Teil der Hoffnung, der Hoffnung der Erzieher, die durch ihre Arbeit
jeden Tag versuchen gegen die lebenszerreissenden Gefahren der Strasse,des Viertels anzukaempfen.
Es stirbt vielleicht -wieder einmal?- ein Teil der Hoffnung, den Kindern irgendwann zum Ausbruch zuverhelfen,
zum Ausbruch aus dem Teufelskreis.
Doch was nuetzt das alles, mag man sich fragen,
wenn man dann noch nur machtlos dasteht und hinabblickt
auf den Leichnam eines Kindes. Und das sicher nicht zum ersten Mal.
Denn „das passiert hier staendig“, sagt ein Junge daher.
Fassungslos schuettel ich den Kopf und versuche zu begreifen.
Das ist keine Fiction. Hier ist es wahrhaftig und gegenwaertig.

Mein Sein im Cesmar wird mehr und mehr zu einem taeglichen Auf und Ab der Gefuehle.
Mit jedem Tag tauche ich jetzt weiter ein in das Leben der Kinder, lerne besser und besser kennen.
Begreife, verstehe und sehe, was ich vorher nicht gesehen.
Freud und Leid liegen hier so nah bei einander, ineinander
und machen das Leben knallhart.
Gnadenlos.

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