Armut

ARMUT – was heisst das?

Besuch im Cesmar. Besuch von weit weg.
Ein junger Mann, der mit der Sozialarbeit an sich nichts am Hut hat.
Freundlich, interessiert, wollte das Projekt kennen lernen.
Einen Tag hat er mit uns verbracht, weniger noch, fuenf Stunden.
300 Minuten lang Einblick in das Cesmar, einen Augenblick lang eine leise Idee von dem Leben unserer Kinder.
Aber eine richtige Idee?
In den letzten Minuten vor seinem Aufbruch, bevor ihn der rollende Bus wieder hinausgebracht hat, aus dem Viertel, haben wir uns noch einmal unterhalten. Auf jenen Eindruck war ich gespannt, kann ich mich doch noch sehr gut an meinen erinnern, der heute, acht Monate spaeter, voellig oberflaechlich war. Logisch.
Was er denn haelt, von unsere Welt, habe ich ihn gefragt.
Ob es so sei, wie man ihm zuvor moeglichst wahrheitsgetreu zu beschreiben versucht.
Eine gute Frage. Nicht nur fuer ihn, der so reflektierte, auch fuer mich, die so einiges begriff.
Es waere anders.
Die Kinder waeren nicht so arm und dreckig, wie er es erwartet hatte,
das Projekt organisierter und es waere ja alles da was die Kinder brauchen, Baelle, Instrumente, Spiele etc.
Nicht so arm, hat er gesagt.
Arm. Schallt es in meinem Kopf.
Und es beginnt ein wenig Wut zu kochen. 
Einen Haufen schwarzer Kinder wollte er wohl sehen, ausgehungert, mit tiefen Augenhoehlen, vielleicht mit Blaebauch, kleiderlos. Beruehmtes AIDS-Weisenfoto wollte er bestaetigt und es faellt ihm nicht einmal auf, dass er alles in eine Schublade steckt. „Junger Mann, Brasilien ist doch nicht Afrika!“ schreit wuetend eine Stimme in meinem Kopf und ich merke wie ich jetzt selbst  die Schublade oeffne. Sofort aber nehme ich mich selbst in Schutz. Mit AIDS-Weisen assoziieren wir nun einmal Afrika, da kann man uns nicht helfen. Zu breitgetrampelt von den Medien ist jenes Thema. Brasilien aber liegt auf anderem Kontinent, meilenweit entfernt. Laesst sich dass nicht trennen?
Und selbst wenn es Afrika waere, sollten wir vorsichtig sein, mit unserer Leichtglaeubigkeit. So sollten wir doch schon lange nicht mehr alles von vornherein glauben, was uns die Medien berichten. Meinst du nicht auch,wir muessten uns -idealer Weise- jede Situation vor eigenem Urteil aus anderer Perspektive ansehen? Bequemer aber, gleich zu glauben und fremdgedrucktes zu eigener Meinung werden zu lassen.

Aber ich verstehe ihn nicht.
Denn jetzt ist er schon einmal hier, am anderen Ende seiner Welt.
Aus irgendeinem Grund muss er doch hier sein.
Hat er wirklich erwartet alles so vorzufinden wie er es sich in seinem weissen Kopf zurechtgelegt hat?
Ganz ehrlich. Das kann nicht sein.
300 Minuten hat er jetzt hier verbracht. 4500 Atemzuege gemacht.
Und dann sagst er schnell, die Kinder hier waeren nicht so arm.
Oder wollte er sagen: IHM nicht arm genug?
Er war jetzt also ein paar Stunden da und meint beurteilen zu koennen, dass unsre Kinder nicht arm sind 
weil sie ganz gesund wirken, Kleidung tragen und lachen.

Armut.
Wie aber definiert sich Armut?
Allein ueber materielles Gut?
Unterkunft, Essen, Kleidung?
Nicht vielleicht auch ueber Bildung?
Ein Kind dass mit 9 Jahren weder lesen, geschweige denn schreiben kann, zaehlt fuer den Herrn anscheinend nicht zu denjenigen, die sein arm „verdienen“. Es hat ja schliesslich ein Lachen auf den Lippen und traegt halbwegs orderntliche Kleidung, deren Muff er aus der Ferne nicht riechen kannt.
Definiert sich Armut nicht auch ueber Erziehung?
In seinen paar Stunden haben sich sicherlich 80 Prozent der Kinder gut benommen. Fremder Besuch lockt immer bestes Benehmen. So ist das bei Kindern.
Definiert sich unser aller Reichtum nicht auch -oder vielleicht grundlegend- ueber gesunde, funktionierende familiaere Verhaeltnisse?
Ueber den Schatz einer behueteten Kindheit?
Ueber den Schutz vor Gewalt und Drogen? Mord und Totschlag?
Ueber jemanden, sei es Mutter oder Vater -vielleicht aber auch Onkel, Tante, Opa oder Oma-
der immer fuer dich da ist und der dich in den Arm nimmt wenn du Halt brauchst?
Und mit der Familie kommt dann alles andere.
Kein Kind hat seinen Familienstand auf die Stirn geschrieben.
Von aussen laesst sich nicht sehen, wie es drinnen ausschaut.
Sie sind nicht transparent.
Kein Mensch kann ohne Zuneigung, ohne Liebe.
Wir sind aus Liebe fuer Liebe in Liebe gemacht.
Kinder ohne elterliche Fuersorge verkuemmern.
Sie tragen geistige, seelische, koerperliche Schaeden davon.
Nachhaltig.
Was ganz klar heisst: ihr Leben lang.

Armut kann man nicht sehen, auf den ersten Blick.
Ein Laecheln auf den Lippen ist Reichtum, ohne Zweifel.

Was aber sagt dir ein Laecheln, das nicht mitkommt, nach Hause,
ein Laecheln, dass fuer immer im Cesmar bleibt?
Sowas sieht man nicht wenn man 5 Stunden da ist.

Sowas lerne ich noch immer zu sehen, nach achteinhalb Monaten.
Was hast du eigentlich erwartet, ganz ehrlich?
Armut, wirds wohl sein.  


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